Ein offener Brief an Präsident Putin

Die für mich bemerkenswerteste Nachricht dieser Woche war ein Brief, den ein mit mit befreundeter evangelischer Pfarrer aus Erlenbach (bei Heilbronn) über die russische Botschaft an Präsident Putin geschrieben hat. Hier seine Mail:


Sehr geehrter Herr Botschafter, lieber Herr Netschajew,

darf ich Sie bitten, den beigefügten Brief an den Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin weiterzuleiten. Sie finden diesen Brief auch auf der Homepage als Text und als Video in deutscher in russischer Sprache:


https://www.evkirche-erlenbach.de/der-pfarrer/predigten-zum-nachlesen-und-nachhoeren/ein-brief-an-herrn-putin


Der Originaltext dieses Briefes :


Erlenbach, 22. Mai 2022

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Putin, (so pflege ich alle Briefe an Amtsträger zu beginnen; jedes Amt ist eine Bürde und verlangt Respekt; und in jedem Menschen lebt auch etwas zutiefst Liebevolles.)


Im Religionsunterricht in der Grundschule erzählte ich, dass ich Ihnen gerne einen Brief schreiben und diesen dann gerne Ihnen persönlich überreichen würde – per Fahrrad von der Christuskirche Erlenbach aus in den Kreml nach Moskau. 2500 Kilometer weit. Wenn ich jeden Tag 100 Kilometer schaffe, wäre ich in einem Monat bei Ihnen. Eine verrückte Idee? Aber mir ist es ernst.


Ein Junge aus der 2. Klasse malte mir in der vergangenen Religionsstunde ein Bild. Die Überschrift: „hör bite auf mit den Krig“ und drunter eine rote, aufgespreizte Hand, in der geschrieben steht: STOP. Ich sagte dem Jungen, wenn ich Sie tatsächlich treffen würde, dann würde ich Ihnen sein Bild und seine Botschaft überreichen. STOP den Krieg – ein Wunsch von vielen. STOP – und dann ist alles wieder so (gut?) wie früher. Wirklich?


Wer jetzt den Befehl zum STOP erteilt, überlebt vermutlich politisch nicht mehr. Weder der Präsident in Russland, in der Ukraine, in den USA, noch Präsidenten und Kanzler in Europa. Feindbilder sind aufgebaut, das Böse und die Bösen sind ausgemacht und in die Hirne und Gemüter der ‚eignen‘ Bevölkerung hineingelegt, über Wochen und Monate und Jahre.


Alle Großmächte haben ihre Kriegsgeräte aufgerüstet, um strategische, wirtschaftliche und politische Interessen durchzusetzen. Großmächte führen immer wieder Kriege an ihren Grenzen und in ihren Interessengebieten, oder schüchtern andere zumindest ein - so ist das in der Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden.


Aber in der Bibel und in meinem Statusbild auf facebook steht ein alter Menschheitstraum:

„Und Gott wird zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk gegen das andere das Schwert erheben und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Prophet Jesaja 2,4 und Micha 4,3).


Ein friedliches, seelentiefes Urbild: „Nicht mehr lernen, Krieg zu führen ….“ globale Friedensbildung statt nationale Wehrertüchtigung. Aus Panzern Traktoren bauen, aus Kriegsschiffen Getreidefrachter und aus Raketen Silos, damit niemand mehr hungern muss.

Auf die Frage, was Frieden ist, antwortet eine Schülerin: "Frieden ist, wenn einer den anderen in Ruhe lässt."

Aber es wird gerangelt und gekämpft und erobert. Es geht um lukrative Absatzmärkte und billige Rohstoffe, um fruchtbares Land und sauberes Trinkwasser. Es geht darum, Größe und Stärke zu zeigen und Herr statt Knecht zu sein.


Sie, Herr Präsident, sind mittlerweile in vielen Teilen der Welt zu einer ‚persona non grata‘ geworden. Ob Sie das so wollten? Warum ist es so weit gekommen? Im Rückblick erkennen wir schemenhaft, warum es so und nicht anders geworden ist im Leben eine Person und in der Geschichte einer Gesellschaft, eines Volkes.


Es betrübt mich, macht mich traurig, wenn ich Bilder von hilflosen Menschen sehe in den umkämpften Städten und Dörfern, denen Ihre Soldaten deren Häuser zerbombten und plünderten im Blutrausch, in Kriegslust und Zerstörungswut. Ich bin gespannt, was mir Frauen aus der Ukraine erzählen werden, die wir in unserem Ort aufgenommen haben.


Die Opfer werden die Gewalttäter hassen über Generationen hinweg; und auch die Täter werden später sich selbst für ihre Gewalttaten hassen und schämen. Wenn die Soldaten einst wieder ins zivile Leben zurückkehren, werden sie ihren Frauen und Kindern vermutlich nicht erzählen können, dass auch sie geschossen, getötet, geplündert und vergewaltig haben. Sie werden es verschweigen, sich herausreden oder rechtfertigen: 'Man hat es uns befohlen'.


Soldatenmütter in Russland und in der Ukraine werden ihre toten Söhne ihr Leben lang bejammern und beklagen und den anklagen, der den Krieg befiehlt. Guten Seelen sterben und die gute Seele des Volkes.

Und noch etwas betrübt mich und macht mich traurig: Millionen Menschen, viele, viele Kinder werden nun hungern, noch mehr hungern, gar verhungern müssen, weil ihnen Getreide nicht geliefert werden kann, das sie zum Leben und zum Überleben brauchen.


(Aber auch wir, die "Guten im Westen", werfen das Getreide oft Rindern und Schweinen zum Fraß hin oder lassen es industriell verfaulen, um es als Kraftstoff in die Tanks zu füllen, anstatt Hungernde zu sättigen).

Vermutlich ist es schwerer, den Krieg nun wieder zu beenden, als ihn so lange weiterzuführen, bis man entweder siegreich gewonnen oder zumindest sich heldenhaft geschlagen hat.


Aus Nachbarn bösartige Feinde zu machen ist leichter als aus Feinden wieder freundschaftliche Nachbarn. Misstrauen zu säen ist einfach, hingegen zerstörtes Vertrauen wieder aufzubauen ist mühsam und langwierig.

Wer jetzt nachgibt, über den werden andere triumphieren und vor ein Gericht bringen. Nachgeben? Aufgeben? Zugeben, dass der andere gerade stärker ist? Also weiterkämpfen!


Also weiterkämpfen? "Hör bite auf mit den Krig".


Mit doch irgendwie auch freundlichen und erwartungsvollen Grüßen

Pfarrer Jürgen Stauffert


Nachwort von mir: Dieser Brief beihaltet viele Gedanken, die wir allen in diesen Wochen und Monaten selbst haben. Wie kann man diesen Krieg beenden? Wie kann man den russischen Präsidenten dazu bewegen, sich wieder auf Gesrpäche für eine dauerhaften Friden einzulassen? Wird die Welt aus den Fehlern lernen, die zu dieser Situation geführt haben ? Ich darf euch versichern, dass es Pfarrer Stauffert, einem begeisterten Radfahrer, mit seiner Idee der Überbringung des Briefes in 100km-Etappen durchaus ernst ist. Und wer weiß: vielleicht denkt Präsident Putin doch über die Anrede nach, mit der ih Pfarrer Stauffert anspricht. In einigen Wochen oder Monaten kennen wir (vielleicht) die Antwort.





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