Good bye, 1,5 Grad-Ziel

Auch wenn es schwerfällt: man muss die Realitäten anerkennen und nicht immer Ziele nennen, die nicht mehr zu erreichen sind. Ja, dieses Eingeständnis wird mit Veränderungen verbunden sein, die so tiefgreifend sind, dass ihre Auswirkungen unsere Vorstellungskraft überschreiten. Aber: die Menschheit wird - in welcher Form auch immer - auch das überstehen, wie sie viele Phasen der Evolution überstanden hat.


Also: Good bye, 1,5 Grad-Ziel - und Welcome, 2 bis 2,5 Grad-Ziel. Dieses Ziel war (und ist immer noch) der Elefant im Raum der Klimadebatte. Wir müssen endlich über diesen Elefanten sprechen, denn durch die nicht mehr erreichbare Tatsache des 1,5-Grad-Ziels müssen wir uns dringend Gedanken zu den Konsequenzen machen, und zwar sowohl den politischen wie auch den physikalischen.


Das 1,5 Grad-Ziel war nicht irgendein beliebiges Klimaziel, das bei den Industrienationen bei jeder Erwähnung zur Besinnung oder durch permanentes Wiederholen zu Schnappatmung führt. Es wurde im Pariser Klimaabkommen des Jahres 2015bfestgelegt, um zu vermeiden, dass Kipppunkt-Elemente in den Erdsystemen irreversibel überschritten werden. Um die 1,5 Grad noch einzuhalten, existiert laut aktuellem IPCC-Bericht nur noch eine unwahrscheinliche theoretische Restchance, denn drei aus heutiger Sicht unerreichbare Dinge müssten dafür gegeben sein:


a) Die weltweiten Emissionen müssen in spätestens zwei Jahren ihren Höchststand erreichen

b) Diese Emissionen müssen bis 2030 sogar halbiert werden.

c) Weil das allein nicht genügt, muss zusätzlich CO₂ in großem Stil wieder aus der Luft gefiltert werden – zum Teil mit bisher noch nicht marktreifen „Carbon Capture and Storage“-Technologien.


Zu a) und b) muss man sich nur die Weltlage anschauen, um zu wissen, dass das nichts wird. Um das Ziel einzuhalten, bräuchten wir ein wirkliches Wunder. Auch wenn die Reduzierung physikalisch noch möglich wäre, den politischen und wirtschaftlichen Realitätstest bestünde sie nicht. Die Präsidenten Russlands, Chinas, Indiens, Brasiliens und der USA müssten sich heute weinend in die Arme fallen, eine sofortige Umkehr in der Klimapolitik ihrer Nationen unterzeichnen und diese gegen alle nationalen Widerstände durchsetzen. Ihr seid bei Betrachtung der Weltlage sicher einige mit mir: Dieses Wunder kann wird aus verschiedenen machtpolitischen und wirtschaftlichen Gründen nicht passieren. Wir werden die Sicherheitszone der Erdsysteme also mit Sicherheit verlassen.


Zu c) ja, die Optionen von Carbon Capture and Storage gäbe es, natürliche und technologische, aber die Priorität, sie wahrzunehmen oder auch anzugehen existiert nicht. Nirgendwo. In keinem Land. Die Welt holzt weiter die Wälder als Kohlenstoffspeicher ab, die Meere versauern und Moore werden trockengelegt.

Also: kein a), kein b) und weder schnell noch überhaupt eine Erkenntnis zu c) = Goodbye 1,5-Grad- Ziel.


Wo liegen die Problemzonen aus dieser Erkenntnis?

Wir werden eine Erderhitzung von 1,5 Grad schon in den 2030er-Jahren erreichen, selbst wenn alle Staaten ihre aktuellen Klimaziele einhalten würden. Die Wahrscheinlichkeit von Hitzesommern, Sturmfluten, Waldbränden und Ernteausfällen wird sich häufen und die Ereignisse fallen extremer aus als heute schon.


Warum es jedoch so unglaublich wichtig gewesen wäre, 1,5 Grad einzuhalten sind vier wesentliche Kipppunkt-Elemente der Erdsysteme, deren Überschreitung nun unvermeidbar erscheint. Eine Überschreitung um mehr als 1,5 Grad träfe die Korallenriffe (ausbleichen),

den Grönland-Eisschild (abschmelzen), den Westantarktischen Eisschild (abschmelzen) und die Permafrostböden (auftauen).



Aus drei dieser Phänomene entstehen Teufelskreise: Die schrumpfende Eisfläche reflektiert immer weniger Sonnenstrahlung zurück ins All, sodass sich die Erde weiter erhitzt, wodurch das Eis noch schneller schmilzt. Auch das freiwerdende Methan aus den Permafrostböden heizt das Klima weiter auf, was wiederum zu noch mehr Methanausstoß führt. Auch wird das Abschmelzen zu ansteigenden Meeresspiegel führen. Einige Pazifikstaaten könnten für immer vom Atlas verschwinden. Auch wenn diese Entwicklungen vermutlich noch Jahrzehnte brauchen – sie sind unaufhaltsam. Vor allem aber bedeuten sie, dass sich die Klimaerhitzung beschleunigen wird.


Physikalische Fakten treffen auf politische Unfähigkeit


Vor wenigen Tagen sandte Olaf Scholz bei der UN-Generalversammlung die Botschaft aus, dass mit Deutschland an der Spitze das globale 1,5-Grad-Ziel erreicht werden soll. Auch der Koalitionsvertrag enthält folgende Passage: „Wir schaffen ein Regelwerk, das den Weg frei macht für Innovationen und Maßnahmen, um Deutschland auf den 1,5-Grad-Pfad zu bringen.“ Wie passen diese inhaltlosen politischen Plattitüden und die physikalische Realität zusammen? Gar nicht. Überhaupt nicht. Kein bisschen. Wenn Politiker oder Vorstandsvorsitzende weiterhin vom „Einhalten des 1,5-Grad-Pfads durch ambitionierte Klimaziele“ sprechen, führen sie die Menschen entweder bewusst in die Irre oder sie wissen es nicht besser. Was davon schlimmer wäre, überlasse ich Eurer Beurteilung.


Wir müssen die 1,5-Grad-Ziel-Rhetorik revidieren. Dieses von politischem Unwillen oder Unfähigkeit geprägte Nichts sagende muss endlich aus medialen und politischen Debatten verschwinden. Wie sonst soll die Öffentlichkeit die Dringlichkeit von Klimaneutralität begreifen?


Was nun?


Im Pariser Klimaabkommen heißt es, dass der globale Temperaturanstieg auf möglichst 1,5 Grad begrenzt werden soll. Da dies nicht mehr möglich ist, lautet der Umkehrschluss: Das Pariser Klimaabkommen ist in seinem wesentlichsten Teil gescheitert. Man könne bei dieser Sachlage folgende Reaktionen erwarten: aufregen, wütend sein oder mit den Fridays-for-Future-AktivistInnen oder den Naturschutzverbänden auf die Straße gehen. Und was passiert? Urteilt selbst....


In Diskussionsforen wurde bereits angeregt, ein neues, noch erreichbares Ziel in den Fokus zu rücken. Naheliegend wäre das 2-Grad-Ziel, die zweitbekannteste Zahl im Klima-Kontext. Aber: Ein höheres, aber möglicherweise noch erreichbares Grad-Ziel bedeutet auch ein höheres CO₂-Restbudget. Dieses würde Staaten und Unternehmen wiederum dazu verleiten, noch ambitionsloser zu handeln. Abgesehen davon: An welcher Stelle würde man aufhören, einfach die Ziele hochzusetzen, statt mit ernsthaften Maßnahmen zu beginnen?


Also: Anstelle der Formulierung eines neuen Zieles müssen wir endlich aufhören, überhaupt von „Klimazielen“ zu sprechen. 1,5 Grad Erderhitzung ist kein Ziel. Es ist die physikalische Obergrenze für den sicheren Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Alles darüber ist ein dunkelroter Hochrisikobereich, den die Menschheit niemals hätte betreten dürfen. Ab jetzt laufen wir für immer durch ein planetares Minenfeld, in dem uns Kipppunkte links und rechts in Zeitlupe um die Ohren fliegen.


Wer heute noch von Klimazielen redet, meint damit zwangsläufig Bevölkerungsschutz – oder im Fall von Bangladesch, den Pazifikstaaten und halb Afrika: Überleben. Klimaschutz bedeutet ab jetzt: Katastrophenprävention, Ernährungssicherheit und Friedensstiftung. Genau jetzt, inmitten des fossilen Krisenstapels, wäre der richtige Zeitpunkt für Scholz, Macron, Biden und Co., sich an ihre Bevölkerungen zu wenden und den nationalen Klimanotstand auszurufen, samt großangelegten Informationskampagnen und Sofortprogrammen. Der Bundeskanzler hätte, als er vor Kurzem vor der UN stand, verkünden müssen: „1,5 Grad ist tot“. Aber Klarheit ist kein Scholz-Attribut, ganz nach seiner politischen Zieh-Mutti Angela Merkel. Abwarten, aussitzen, die Dinge werden sich schon irgendwie regeln. Irgendwie. Es geht um die Erderwärmung um mehr als 1,5 Grad, und nicht um irgendein Steuerpaket oder den Verteidigungsetat.

Die Botschaft „1,5 Grad ist tot“ wäre ein Wake-up-Call. Ein schrill klingelnder Wecker – für die Politik, die Medien und nicht zuletzt für Gespräche im Freundeskreis. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis uns die Realität, dass 1,5 Grad nicht mehr erreichbar sind, einholt. Je früher wir uns trauen, sie anzuerkennen, desto besser.


Dass vier Kipppunkte aller Voraussicht nach überschritten werden, ist in sich schon katastrophal. Es existieren aber noch mindestens zwölf weitere. Damit sie uns nicht auch noch um die Ohren fliegen, kann die einzige Schlussfolgerung nur heißen: ab sofort und überall so schnell es geht klimaneutral werden. Jedes Zehntelgrad zählt!


Die Erkenntnis, dass 1,5 Grad tot ist, wird die Menschen nicht dauerhaft entmutigen – ganz im Gegenteil. Sie führt im besten Fall zu so viel Druck auf die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger°innen, dass sie sich nicht mehr hinter dem „Wird-schon“-Narrativ verstecken können und endlich anfangen so zu handeln, als stünden unsere Lebensgrundlagen auf dem Spiel. Denn das tun sie.


Auszüge dieses Blogs und die Faktenlage dazu stammen von Treibhauspost, Link dazu: https://steadyhq.com/de/treibhauspost/about


10 Ansichten0 Kommentare