GREENPEACE zu den bisherigen Ergebnissen von COP26 in Glasgow

GREENPEACE-Einwurf von Thomas Merten (Redakteur bei Greenpeace):


Nehmt sie beim Wort !


Manchen Menschen im Bekanntenkreis läuft man ja ständig über den Weg. Man hält dann kurz an, begrüßt und wechselt pflichtschuldig ein paar Worte. Meist verabschiedet man sich mit dem Satz „Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen“ – was man dann, das wissen die Beteiligten, niemals tun wird. Vielleicht kennen Sie solche Situationen auch? Der Verfasser des nachfolgenden Einwurfs musste in den vergangenen Tagen öfter an solche Begegnungen denken – nach deren Muster häufig große Treffen der Weltpolitik enden: mit wenig Verbindlichkeit.


Ende der letzten Woche etwa, als der G20-Gipfel in Rom zwar mit Absichtsbekundungen zum Klimaschutz schloss – sich in der öffentlichen Erklärung aber nur schwammige Formulierungen fanden. Die Wirtschaftsmächte, die für über achtzig Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, bekannten sich brav zum 1,5-Grad-Ziel, nannten aber keine klaren Maßnahmen. Da ist es nur konsequent, dass sie den Ausdruck „sofortiges Handeln“, der in einem Entwurf noch gestanden hatte, aus dem Bericht strichen. Schließlich lässt sich ohne konkreten Plan schlecht handeln, vor allem nicht sofort. Notwendig wäre es natürlich – wie die aktuellen Zahlen zum globalen Treibhausgasausstoß belegen, die dieses Jahr wieder auf Niveau vor 2020 sind. Doch nicht mal Klimaneutralität bis 2050 ist für CO2-Hauptverursacher wie China, Russland und Indien drin. Letzteres schockierte zuletzt mit der Bekundung, es erst bis 2070 schaffen zu wollen.


Stattdessen warfen die Staatsoberhäupter Münzen in den Trevi-Brunnen in Rom und wünschten sich Glück für ihre Klimapolitik – ein, nun ja, interessantes Signal vor einem Monument, das bedrohliche Naturgewalten darstellen soll. Auf höhere Mächte verlässt sich mittlerweile nicht einmal mehr der Mann, der nicht weit vom Verhandlungsort entfernt wohnt und der von Amts wegen den direkten Draht nach ganz oben hat: Papst Franziskus. Mit vierzig anderen Religionsoberhäuptern von Islam bis Quäker hatte der 84-Jährige auf einer Art spirituellen Mini-Klimagipfel schon im Vorfeld der Konferenz in Glasgow an die Mächtigen appelliert, unseren Kindern keine Wüste zu hinterlassen. Und vor ein paar Tagen forderte er, erneut überraschend weltlich, “effiziente Antworten” und “radikale Entscheidungen”.


Ob die Mächtigen ihn erhören? Boris Johnson als Gastgeber der Konferenz inszenierte sich zumindest vorher schon mal als Klima-Moses. Ungünstig nur, dass er nebenbei die Erschließung einer Ölquelle in der Nordsee vorantreibt.


Kein Wunder, dass die nicht eingeladene, aber per Zug angereiste Greta Thunberg rhetorisch in die tiefere Schublade griff: „Ihr könnte euch die Klimakrise in den A*** schieben!“, rief sie auf einer Demo den Regierenden zu – nach “How dare you?” und “I want you to panic” ein weiteres Thunberg-Zitat die Geschichtsbücher. Später gelobte sie ironisch, Netto-Null beim Fluchen zu erreichen, indem sie es irgendwann mit netteren Worten kompensiere. Gemeinsam mit der ugandischen Klimaschützerin Vanessa Nakate hatte Thunberg einen offenen Brief verfasst und Klimagerechtigkeit gefordert – und nahm dieses Mal auch die Medien in die Pflicht, die Regierungen stärker unter Druck zu setzen.


Dort müsste die Klimakrise aber erstmal als dringliches Thema stattfinden: Die Köpfe hinter dem Format “Klima vor acht” etwa durchleuchteten das Programm der Öffentlich-rechtlichen seit 2016 und stellten fest, dass die Anzahl der Sendungen über die Erderhitzung weder ihrer existentiellen Relevanz noch den Sorgen der Bevölkerung entsprechen. Die Initiative wurde einst von der ARD als Sendung kurz vor der Tagesschau abgelehnt und ist inzwischen bei der privaten Konkurrenz RTL untergekommen.


Ein paar Lichtblicke gibt es zur Halbzeit in Glasgow dennoch: So wollen Ecuador, Kolumbien, Panama und Costa Rica ein riesiges Meeresschutzgebiet im Ostpazifik einrichten, in dem industrieller Fischfang tabu sein soll. Und zwanzig Staaten – wenn auch nicht die G20 – kündigten an, zumindest keine öffentlichen Gelder mehr in ausländische fossile Öl-, Gas- und Kohleprojekte zu stecken. Nicht dabei allerdings: Deutschland. Zudem wollen jeweils hundert Staaten, darunter überraschenderweise auch Brasilien, Waldrodungen stoppen und ihren Methanausstoß verringern. Und: Hundert Milliarden Euro jährlich sollen – endlich – ab 2023 in Klimahilfen für Länder des globalen Südens fließen – ein kleiner Sieg der Klimagerechtigkeit, zumindest wenn das Geld, anders als in der Vergangenheit, auch ankommt.


Denn auch hier gilt: all dies ist nichts wert, wenn keine verbindlichen Gesetze, genug öffentlicher Druck und Kontrollen folgen. Sonst läuft es wieder mal ab wie bei den Zufallsbegegnungen im Alltag: Ach, wir könnten doch mal wieder....




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