Ist "Wandel" für die Klimafrage noch das richtige Wort?

In der Stuttgarter Zeitung vom 23.8. schrieb die Redakteurin Leonie Rothacker folgenden bemerkenswerten Leitartikel, den ich gerne über meinen Blog an dessen Leserinnen und Leser weitergebe:


Eine Krise, kein Wandel

Der Begriff Klimawandel verkennt das Ausmaß des Problems, dem wir gegenüberstehen.

Man muss nicht in die Zukunft blicken, um es mit der Angst zu tun zu bekommen: In diesem Sommer der Extreme brennen die Wälder nicht nur in unseren Urlaubsländern, sondern auf fast jedem Kontinent. Viele Menschen ertrinken in Überschwemmungsfluten oder stehen vor dem Hungertod. Der jüngste Bericht des Weltklimarats hat deutlich aufgezeigt, dass viele dieser Extremwetterlagen ohne den menschlichen Einfluss auf das Klimasystem undenkbar wären. Dabei von einem „Klimawandel“ zu sprechen, ist nicht nur verharmlosend, sondern mutet fast zynisch an. Wessen Haus weggespült, Kind verhungert oder Heimatstadt abgebrannt ist, wird das kaum als steten Wandel erlebt haben, sondern als harten Bruch, als Trauma, als Katastrophe. Man stelle sich vor, Politikerinnen und Politiker hätten zu Beginn der Coronapandemie von „virusbedingten Veränderungen“ gesprochen und entsprechend lax gehandelt. Auch wenn es den Verantwortlichen viel zu spät bewusst geworden ist: Die Klimakrise ist eine viel tiefer greifende als die Coronakrise.


Der griechische Philosoph Heraklit schrieb, die einzige Konstante im Universum sei die Veränderung. Der Wandel ist also der Normalzustand. Aber in diesem Ausmaß sicher nicht. Man muss sich das vorstellen: Im Jahr 2019 ist die CO2 -Konzentration Studien zufolge in der Atmosphäre höher gewesen als je zuvor in mindestens zwei Millionen Jahren, der menschliche Einfluss hat das Klima in einer Geschwindigkeit erhitzt, die mindestens in den vergangenen 2000 Jahren beispiellos gewesen ist.


Das heißt vielleicht noch nicht, den Begriff des Klimawandels ganz aus dem Wortschatz zu streichen. Er kann im entsprechenden Kontext als Synonym für „klimatische Veränderung“ stehen. Wer aber ausdrücklich die vielen Auswirkungen dessen auf unser Leben, unseren Planeten, auf unsere Versorgung, unsere Sicherheit und Gesundheit meint, wer im Kontext von Extremwetter und Naturkatastrophen darüber spricht, sollte diese Zusammenhänge und Probleme als das benennen, was sie sind: eine handfeste Krise, eine Katastrophe für die Menschheit und alle Tier- und Pflanzenarten.


Problematisch ist auch das Wort Erderwärmung. Die Erde erwärmt sich nicht wie eine alte Heizung, die langsam auf Touren kommt. Sie erhitzt sich, sie brodelt wie ein Kochtopf. Ein, zwei, drei Grad Celsius, das klingt zunächst harmlos – wenn es in diesem Frühjahr zwei Grad wärmer ist als im vergangenen, empfinden wir das als schön angenehm. Doch global betrachtet ist dieser vermeintlich leichte Anstieg verheerend: Dürren, Brände, Überschwemmungen, Wirbelstürme, damit Zerstörung, Hungersnöte, Tod. So sollte auch im Bundestagswahlkampf darüber gesprochen werden, von einer Erderhitzung also. Das klingt viel weniger gemütlich.


Sprache schafft Realität – das zeigt auch die Debatte über eine gendergerechte Sprache. Wenn ein Femizid nur als Familiendrama, eine strafbare Missbrauchsdarstellung als Kinderpornografie bezeichnet wird, werden die Probleme kleiner gemacht, als sie sind, sie werden verharmlost – das gilt ebenso für die Begriffe Klimawandel und Erderwärmung. Sprache kann uns verdeutlichen, dass unsere Realität heute kein stetiger Wandel ist, sondern eine radikale Umwälzung unserer Lebensbedingungen. Das impliziert auch, dass der Klimakrise nicht mit gemächlicher Transformation und Reförmchen im Schlafwagentempo beizukommen ist, sondern nur mit ebenso radikalen Maßnahmen – nicht 2035, 2045 oder 2050, sondern sofort. (Ende des zitierten Leitaritkels)

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