Kleider machen nicht nur Leute, sondern wirken sich auch negativ auf den Klimawandel aus !

Aktualisiert: Jan 2


Auf geht's: Kleider– und Schauschrank durchforsten und weg mit dem "alten Zeug" und neues gekauft! Wieviel Kleidung werfen wir Deutsche pro Jahr weg? Wie kann ein T-Shirt bei einer Textilkette 2,99€ kosten und wieviel davon bekommen die Arbeiterinnen bei den Herstellern in Bangladesh? Wie ist der Reiseweg einer Jeans von der Herstellung bis zum Ladentisch?


Wie man sich kleidet, so lebt man


Die Kleidung meiner Jugend und die Kleidung meiner Eltern bestand aus wenigen, oft selbst genähten oder gestrickten Kleidungsstücken. Ein Mantel und eine Jacke zum Weihnachtsfest war ein tolles Geschenk. Eine neue Hose löste Freudensprünge aus und ein neues Kleid bescherte Freudentränen bei der Mutter. Diejenigen Leser aus meiner Altersklasse wissen gut, von was ich schreibe. Und heute? ZARA, H&M, GAP, KIK, Primark, Takko, etc. dominieren mit ihrer wie bei den Lebensmitteln rein auf Menge und Preis ausgerichteten Vermarktungspolitik die bunte Bekleidungswelt. In vielen Haushalten reicht die Kapazität des Schuhschranks für die vielen Schuhpaare nicht aus. Die Kleiderschränke sind prall gefüllt mit endlosen Reihen an Hosen, Kleidern, Röcken, Jacken und Mänteln. T-Shirts werden von manchen Menschen bereits nicht mehr gewaschen, sondern entsorgt.


Die Plattform »Infosperber« ist Teil der gemeinnützigen Schweizerischen Stiftung zur Förderung unabhängiger Information (SSUI). Sie gibt uns in einem speziellen Bericht einen Einblick in die Bekleidungsindustrie. Darin wird diese als eine der schmutzigsten Branchen der Welt bezeichnet.

https://www.infosperber.ch/wirtschaft/konsum/wie-kleidung-dem-klima-schadet/


Die für den Bericht verantwortliche Redakteurin, Daniela Gschweng, schreibt dazu: »Flugscham ist inzwischen jedem ein Begriff, Hemd und Hose sind von Klimabedenken bisher so gut wie ausgenommen. Dabei produziert die Textilindustrie mehr Treibhausgase als alle Langstreckenflüge zusammen. Die Aussage, dass man auf das Fliegen verzichten kann, sich aber irgendwas ja anziehen muss, ist aber dafür nur ein schwaches Argument«. Sie führt aus, dass wir Mitteleuropäer uns mit dem, was wir in den Schränken haben, mehrfach einkleiden können, selbst dann, wenn die oder der Einzelne sich nicht zu den modebewussten Zeitgenossen zählt. Nach ihrer Schätzung kauft ein Schweizer Konsument jedes Jahr fünfzehn Kilogramm an Kleidung. Die Nachbarn in Italien, Frankreich und Deutschland liegen bei ähnlichen Größenordnungen. Selbst Modedesigner bezeichnen die heutige Textilindustrie als monströse Einwegindustrie. Nach Einschätzung von Daniela Gschweng werde der ökologische Fußabdruck in modischen Schuhen gemacht. Sie schreibt weiter: »Unsere Kleidung wird oft nur wenige Male getragen, bevor sie den Weg in den Müll oder – hoffentlich – den Altkleidersack findet. Schätzungsweise 30 Prozent unserer Kleidung haben wir selten oder gar nie an.« (Die genannten Zitate stammen aus dem verlinkten Bericht auf www.infosperber.ch; Autorin: Daniela Gschweng; 24.9.2019; »Wie Kleidung dem Klima schadet«)


Dieser Bericht wurde von Greenpeace durch eine repräsentative Umfrage ergänzt. Demnach liegt die Prozentzahl der Kleidung, die wir selten oder nie anhaben, sogar bei 40 Prozent. Auf die Umwelt habe das dieselben Folgen wie ein rußender Kamin. Greenpeace schätzt, dass bei der Herstellung von Kleidern und Schuhen die Textilindustrie weltweit jedes Jahr 1,2 Milliarden Tonnen CO2 und damit mehr als die gesamte globale Luftfahrt mit 0,9 Milliarden Tonnen produziere. Beziehe man den gesamten Lebenszyklus von Bekleidung mit ein, inklusive der Energie, die zum Beispiel beim Waschen verbraucht wird, summiere sich der Fashion-Fußabdruck auf 3,3 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr. Zusammen mache Mode laut dem Greenpeace-Bericht ca. acht Prozent der gesamten weltweiten CO2 - Produktion aus, davon 1,4 Prozent allein durch Schuhe.

https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/s01951_greenpeace_report_konsumkollaps_fast_fashion.pdf


Ganz sicher machen wir Konsumenten uns nur wenig Gedanken darüber, woher unsere Kleidung stammt, wie sie hergestellt wird und welche Auswirkungen auf die Umwelt die Herstellung hat. Das »Ökoprojekt MobilSpiel« erstellte dazu unter dem Titel »Marken, Mode und Moneten« einen Bericht zur langen Reise einer Jeans.


»Die erste Reisestation beginnt in Kasachstan. Hier wächst die Baumwolle auf großen Plantagen. Sie wird von Hand oder maschinell geerntet und anschließend in die Türkei versandt. Dort wird die Baumwolle in Spinnereien zu Garn gesponnen. Anschließend geht es nach Taiwan, wo aus dem Baumwollgarn in den Webereien der Jeansstoff hergestellt wird. Aus Polen stammt die chemische Indigofarbe (blau) zum Einfärben. In Tunesien werden das Garn aus der Türkei und der Jeansstoff aus Taiwan mit der Indigofarbe aus Polen eingefärbt. Von Tunesien aus reist die Jeans nach Bulgarien weiter. Dort wird der fertige Jeansstoff veredelt, d. h. weich und knitterarm gemacht. In China wird die Jeans zusammengenäht und mit Knöpfen und Nieten aus Italien und Futterstoff aus der Schweiz vernäht. In Frankreich wird die Jeans gewaschen, z. B. mit Bimsstein aus Griechenland, wodurch sie den Stone-Washed-Effekt erhält. Dann geht es endlich nach Deutschland, wo das Firmen-Label in die Jeans eingenäht wird. Am Ladentisch angelangt, hat eine solche Jeans bereits bis zu 50.000 km zurückgelegt. Wie bei den meisten Konsumartikeln unseres täglichen Lebens werden auf den Tausenden von Transportkilometern viele fossile Brennstoffe verbraucht was wiederum große Mengen CO2 nach sich zieht, die in die Atmosphäre gelangen. Baumwollplantagen benötigen gewaltige Mengen Wasser für die Bewässerung. Neben den Umweltverschmutzungen hat die Jeansherstellung auch negative Konsequenzen für die Arbeiter, meist Frauen und Kinder: Viele erkranken aufgrund der ungesunden Arbeitsbedingungen.« (Zitat aus Bericht bei www.praxis-umweltbildung.de; Ökoprojekt MobilSpiel e.V.; September 2001; »Die lange Reise einer Jeans«)


Diese Arbeitsbedingungen nehmen wir Verbraucher zwar zur Kenntnis, aber nur bis maximal zur nächsten Nachrichtensendung. Als Momentaufnahme nehmen wir die Bilder einer eingestürzten Textilfabrik in Bangladesch oder eines Fabrikbrandes in Sri Lanka wahr. Sie mahnt uns kurz über die oft menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Wir entrüsten uns kurz und heftig, gehen aber rasch zur Tagesordnung über. Bald danach sind wir schon wieder beim Onlinehändler oder der Kleider– bzw. Schuhboutique unseres Vertrauens, um uns wieder mit modischem Nachschub zu versorgen.


Der reine Rohstoffaspekt unserer Kleidung verdient eine weitere, nähere Betrachtung. Daniela Gschweng beschreibt in ihrem Bericht zur Bekleidungsindustrie einige Teile unserer Kleidung mit den Worten »Wir tragen Erdöl zum Anziehen.« Sie schreibt dazu: »Bei vielen Stoffen kommen synthetische Fasern zum Einsatz. Ihr Anteil liegt derzeit bei etwa 60 Prozent, und die Tendenz ist steigend. Besonders viel davon enthält Sport­– und Outdoorbekleidung. Drei Fünftel unserer Kleidung sind also vorwiegend aus fossilen Rohstoffen hergestellt. Die Fasern des hübschen Fleece-Pullis tauchen spätestens nach der ersten Wäsche als Mikroplastik im Wasser wieder auf. Genau genommen ist das Plastikmüll.« Ein wichtiger Kommentar findet sich in Daniela Gschwengs Ausführungen zum Recycling von Altkleidern: »Ein großer Teil der noch brauchbaren Altkleider aus Europa wird in Osteuropa oder Afrika verkauft. Dieser Weiterverkauf verhindert, dass sich die lokale Textilindustrie entwickeln kann. Einige Länder verlangen bereits Einfuhrzölle. Dieses Verfahren wird als »Wishcycling« bezeichnet. Dahinter steckt der Wunsch, dass etwas, das in einen Recycling-Behälter geworfen wird, auch tatsächlich sinnvoll wiederverwertet wird.« (Die genannten Zitate stammen aus dem verlinkten Bericht auf www.infosperber.ch; Autorin: Daniela Gschweng; 24.9.2019; »Wie Kleidung dem Klima schadet«)


Beim Thema Bekleidung wirkt ebenfalls die unwiderstehliche Anziehungskraft von Rabatten. War in den 50er und 60er Jahren der Sommer- und Winterschlussverkauf der saisonale Höhepunkt günstiger Bekleidungspreise, haben wir heutzutage weitgehend ganzjährige Rabattaktionen. Dies führt, wie auch bei den Lebensmitteln zu einem Überkonsum. Im Falle von Kleidung bedeutet das: Die Schränke platzen aus allen Nähten.

Einen bemerkenswerten Satz, der unsere Einstellung zu Bekleidung sehr gut beschreibt, fand ich im Museum für Alltagskultur in Waldenbuch: »Was sagt eine Designerjeans mit unzähligen Löchern über die Wertvorstellung einer Zeit aus, in der es offensichtlich als modisch gilt, eine solch zerrissenes Kleidungsstück für teures Geld zu kaufen zu tragen?« Auch beim Thema Bekleidung muss die Menschheit umdenken. Niemand will zurück in die 50er/60er Jahre, aber niemand kann auch das heutige ziel- und zügellose Konsumverhalten bei unserer Kleidung rationell erklären und/oder begründen – und damit fortsetzen.

Ich kann weder eine Einschätzung geben, noch will ich eine Empfehlung zum Inhalt der persönlichen Kleider– und Schuhschränke meiner Leser vornehmen. Auf mich bezogen betrachte ich den Bestand für die nächsten 10-15 Jahre als absolut ausreichend. Es ist gut, dass ich (typisch Mann) zu den Leuten gehöre, die Modetrends eher als folkloristische Angelegenheit betrachten, bei der seltsame Menschen über Laufstege schwanken oder stumme Schaufensterpuppen schlecht oder gut angezogen in Auslagen herumstehen. Ich hoffe, dass die mediale Beeinflussung durch die Werbung die meisten von Ihnen ebenso kalt lässt wie mich. Es ist schade, dass die kritischen NGOs nicht die gleichen Werbeminuten kaufen können, wie die gesamte Konsumgüterindustrie. Hier wird also auch nur der Wille zur eigenen Veränderung ein Umdenken bewirken.





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