Von Ängsten, Alarmismus und einer Gemeinwohl-Gesellschaft

Aktualisiert: 20. Nov.

Nachdem wir mit überbordenden Meldungen über die Perspektiven der Welt nahezu minütlich gefüttert werden, habe ich mich entschlossen, etwas gegen den Trend zu schreiben. Eine lange Mail eines guten Freundes aus Österreich war dafür der Auslöser. Ich danke ihm an dieser Stelle für die zahlreichen Impulse - und kann aus berchtigten Gründen des Datenschutzes leider seinen Namen nicht nennen. Nachdem auch mein unmittelbarer Freundeskreis in der Angst und Alarmismus-Falle sitzt, ist meine Motivation, den nachfolgenden Text als Blog zu veröffentlichen, nun an dem Punkt angekommen, genau das zu tun.


Einleitung


Die Themen, die uns alle zurzeit, aber auch in den kommenden Dekaden beschäftigen werden, entstehen aus einer Wechselwirkung zwischen der Gewohnheit von nahezu grenzenloser persönlicher Freiheit bei gleichzeitig zunehmendem Alarmismus und wachsenden Ängsten.


Grund dafür ist die stetig wachsende Komplexität in allen Lebensbereichen der Gesellschaft. Sie ist eine mögliche Ursache für den zunehmenden Dauer-Alarmzustand, in dem wir uns befinden. Erfordert aber nicht gerade diese Komplexität eine Neuorientierung? Müßte als Folge nicht endlich eine neue, bewußtere Form des Miteinanders entstehen – und damit ein Fokus auf eine freie Gemeinwohl-Gesellschaft anstelle von grenzenloser individueller Freiheit?


Die Welt befindet sich seit Anfang 2020 in galoppierenden Alarmismus. Die noch nicht überstandene Pandemie, ihre Folgen und ihre Einschränkungen stellen die Gesellschaften der Welt vor eine Zerreißprobe. Die zunehmenden Gefahren des globalen Klimawandels fordern uns mit einer Epochenwende heraus, die unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Wir entdecken, dass unser Gefühl von Frieden eine Illusion war und Kriege auch „direkt vor unserer Haustüre“ ausbrechen können. Der am 24. Februar von Russland begonnene Krieg gegen die Ukraine hat Schockwellen der Realität in unserem täglichen Leben verursacht. Die Folge aus nur diesen drei Themen: Unser Sicherheitsgefühl schwindet oder löst sich vollständig auf.


Wir erkennen schmerzlich die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die wir für die Erzeugung von Strom, dem Heizen unserer Häuser und unserer PKW-getriebenen Mobilität benötigen. Die Verknappung und als Folge die Verteuerung von Gas, Kohle und Rohöl sowie der Ausfall der großen Exportländer für Getreide, Saatgut, Stahl, u.v.a.m. führt zu einer galoppierenden Inflation, die vermeintliche finanzielle Polster schwinden lässt. Weniger wohlhabende Menschen unserer Gesellschaft führen einen täglich härter werdenden Kampf gegen die Auswirkungen der Teuerung. Zusätzlich lässt die Macht der Finanzmärkte die Politik täglich vor den Folgen einer neuen Finanzkrise zittern. Spekulanten beherrschen den Immobilien-, Rohstoff-, Aktien- und Geldmarkt.


Die oft zitierte Vermutung, dass schlechte Nachrichten mehr Aufmerksam erregen als gute, hat sich in den vergangenen Jahren besonders bewahrheitet. In der täglichen ansteigenden Flut an Informationen haben „Bad News“ endgültig das Ruder übernommen. Die kleinen „Good News“ beschränken sich weitgehend auf das lokale Geschehen. Als Resultat schalten unsere Systeme in einen permanenten Angst- und Alarmzustand. Ganz automatisch beginnen wir auszublenden und abzuschalten, ohne damit etwas an den Tatsachen zu ändern. Wir wählen so den Weg des Verdrängens, der wie ein natürlicher Schutz gegen all die schlechten Nachrichten wirkt. Wir alle müssen uns permanent selbst fragen, inwieweit wir medial extrem beeinflusst den negativen Nachrichten durch negative Gedankenmustern folgen. Die weit verbreitete Ignoranz, Selbstüberschätzung und Irrationalität der Menschen ist keine Basis für mehr Verständnis untereinander. Nur ein kompletter mentaler Systemwechsel wird ein neues Miteinander erschaffen.


Angst und Unsicherheit durch permanenten Alarmismus


Angst und Unsicherheit sind für uns alle zu Dauergästen unserer Tage geworden. Als vermeintlichen Schutz gegen sie vergraben wir uns hinter unserer persönlichen Schutzmauer, deren Hauptbestandteil sich aus dem Verdrängen der vielen Probleme nährt. Jegliche gesellschaftliche Solidarität bleibt dabei auf der Strecke. Diese fehlende Solidarität lässt die Armen vor Not mehr und mehr verstummen, während der wohlhabendere Teil der Bevölkerung die hohe Kunst des lauten Jammerns praktiziert. Ist unsere konsumgeprägte Bevölkerung mehrheitlich zu einer verwöhnten Gesellschaft geworden? Ein Indiz dafür ist die reflexartige Reaktion der gesamten Gesellschaft nach staatlicher Hilfe für die „schlimmen, wirtschaftlichen Folgen“, während in der Ukraine die Menschen täglich um ihr nacktes Leben kämpfen.


Der Begriff der Resilienz steht in der Psychologie für Widerstandsfähigkeit. Wir müssen uns in Anbetracht unserer Reaktionen die Frage gefallen lassen, ob wir als Gesellschaft überhaupt noch belastbar sind oder ob uns jegliche Krisenresilienz abhanden gekommen ist?


Krisenresilienz erreichen wir nur als Gemeinschaft. Wir wissen, dass eine einzelne Person gegen eine Gefahr kaum geschützt ist. Stehen aber mehrere Menschen wie ein Schwarm zusammen, verliert die Gefahr viel, wenn nicht sogar ihre gesamte Wirkung. Krisenresilienz ist vor allen Dingen eine »Schwarmresilienz«. Sie gibt uns als Gesellschaft die notwendige Widerstandsfähigkeit in Zeiten großer Herausforderungen.


Ein solidarisches Gesellschaftssystem ist weitgehend immun gegen individuelle Ängste, Panik und Unsicherheit. Es ignoriert Unwissen und Verschwörungstheorien und widersteht medialer Beeinflussung.


Objektivität und Zusammenhänge


Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität ist einer der führenden Komplexitätsforscher in Europa. Ein Zitat von ihm: „Naturkatastrophen, Globalisierung, Wirtschaftskrisen, Pandemien, der Verlust an Biodiversität, Kriege und Terrorismus, die Klimakrise, die Folgen der Digitalisierung, Verschwörungserzählungen kann man nicht als isolierte Phänomene betrachten.“ Diese Krisen seien … vielschichtig und zudem häufig miteinander vernetzt, so Brockmann in seinem Buch „Im Wald vor lauter Bäumen".


Wir müssen endlich damit beginnen, die komplexen Phänomene unserer Zeit als Ganzes in den Blick nehmen, ihnen also in Bezug auf Ursache und Wirkung auf den Grund gehen. Dies kann nur fundiert geschehen und niemals aus den oberflächlichen und diffusen Quellen der sozialen Medien. Die aktuellen „Problemzonen der Welt“ zeigen uns schonungslos unsere Grenzen auf und überfordern uns. Alle damit verbundenen Ereignisse und die daraus resultierenden Fragen projizieren wir überwiegend auf unser persönliches Leben – und kaum oder selten gemeinschaftlich. So entsteht für jede und jede von uns ein scheinbar unüberwindbarer persönlicher Wall an Hindernissen.


Nur ein gemeinsames Begreifen alle aktueller und zukünftiger Probleme in dieser Welt löst eine völlig andere Situation aus. Das zentrale Lösungswort heißt Solidarität. In einer solidarischen Gesellschaft verschwindet der permanente Verweis auf persönliche Freiheit, denn sie findet dort keinen Platz.


Stellen Sie sich den Einzelnen nach der Flutkatastrophe im Ahrtal vor, der sein Leben gerettet hatte, und trotzdem vor den Scherben seiner Existenz stand. Nur die Solidarität der vielen Menschen, die den Leidtragenden in ihrer Notlage sofort zur Seite standen, führte zu deren Gefühl, nicht allein in ihrer Not zu sein. Aus einem Totalschaden wurde eine Perspektive des Weiterlebens.


Stellen Sie sich die vielen Menschen in der Ukraine vor, deren Häuser und Wohnungen durch die Aggression ihres Nachbarstaates Russland vernichtet werden. Auch sie erhalten durch die Tatsache, wie die Gemeinschaft der Menschen Europas sie nach ihrer Flucht aufnimmt und ihnen durch Hilfe vor Ort und durch Spenden zur Seite steht, eine Hoffnung für ein Leben nach der Katastrophe.

Nur gemeinsam, im aufrichtigen, bemühten Miteinander, in ehrlicher Kooperation und gegenseitigem Respekt werden wir die großen Fragen beantworten und die Probleme lösen. Nur als Gemeinschaft in Solidarität mit unseren Mitmenschen können wir (über-)leben!


Digitale Revolution oder psychische Überlastung?


Ist die digitale Revolution eine positive Hoffnung, die uns Politik, Wirtschaft, Naturwissenschaft und Teilen der Humanwissenschaft als solche versprechen? Oder führt sie nicht ganz automatisch zu steigender Überlastung unseres Gehirns? Menschen kaufen sich ständig die neuesten Endgeräte: noch schneller, noch besser, noch autonomer, noch sinn- und denkbefreiter. Wir hören von autonomem Fahren, von im Brillengestell integrierten Bildschirmen, von gedankengesteuerten Musik-Endgeräten, etc. – und können es kaum erwarten, was die digitale Revolution uns sonst noch beschert.


Besteht die Gefahr nicht darin, dass wir zu digital abhängigen Pilzkulturen mutieren, frei nach dem Kinderlied „Ein Männlein steht im Walde“? Wir haben jede Minute unseres Tages Zugriff auf die mediale Flut an Informationen, mit denen wir unsere Gehirne füttern. Haben wir oder nehmen wir uns aber auch die Zeit der Verarbeitung dieser Informationen oder ist das Zeitkontingent für ein Nachdenken über das was wir hören, sehen und lesen verschwunden?


Unser Denksystem steht auf permanentem Informationsinput. Ja, das menschliche Gehirn verfügt über offensichtlich über enorme Kapazitäten, aber wann ist unser Arbeitsspeicher überlastet und unsere mentale Festplatte voll? Wir haben im Gegensatz zu einem Computer keine technische Möglichkeit der Erweiterung unseres Arbeitsspeichers und können auch keine zweite Festplatte einsetzen. So suchen wir verzweifelt die Computer-Funktion des Ruhezustands, während wir weiterhin mediale Ablenkungen und Informationen in uns aufsaugen. Was passiert bei einer Computer-Überlastung? Wir starten das System neu. Und was tun wir gegen unsere persönliche Überlastung? Wir suchen den Reset-Knopf und weil wir ihn meistens nicht finden, machen wir einfach weiter.


Als nächste Perspektive einer besseren Welt präsentiert und Wissenschaft und Politik die künstliche Intelligenz (KI). Könnte es sein, dass wir Menschen aufgrund der vergeblichen Suche nach dem Ausschaltknopf nicht mehr selbst in der Lage sind, eigene intelligente Lösungen zu suchen und zu finden und uns KI als die Lösung aller Fragen der Menschheit präsentiert wird? Was passiert, wenn KI die Fesseln der Überlastung eher noch anzieht und wir damit noch schneller zu medialen Pilzgewächsen mutieren?


Es ist wichtig, sich diese Fragen zu stellen, und nein – es gibt keine pauschalen Antworten, denn eine Veränderung der Situation ist immer eine persönliche Entscheidung. Sie zu treffen und damit den Weg aus dem digitalen Pilzdasein des Männleins im Wald zu finden, ist ein Chance, die wir Menschen nutzen sollten.


Das System des Menschen ist gemeinschaftsgeprägt!


Wir waren und sind immer eingebunden in größere Systeme, von denen wir lediglich ein kleiner Teil sind. Solche Systeme sind die Familie, die Gesellschaft, der Staat, dessen Kultur und natürlich auch die Natur. All diesen größeren Systemen verdanken wir unser Dasein.


In ihrem Buch „Gemeinschaft der Ungewählten“ setzt sich die Soziologin Sabine Hark unter anderem mit dieser Tatsache auseinander. In einem Interview dazu erwähnte sie den Kernsatz "Das gute Leben ist nur ein mit Anderen geteiltes Leben". Die Kernfrage der Zukunft wird das Miteinander sein. Wir müssen lernen, wieder vorbehaltlos aufeinander zuzugehen. Wir müssen zuhören. Wir müssen unsere(n) Gegenüber respektieren. Wir müssen so schnell es geht aufhören, Andere zu belehren oder auszugrenzen.


Der Satz von Sabine Hark ist auch unter dem Kontext zu sehen, dass wir uns die Erde derzeit mit acht Milliarden und im Jahre 2050 mit zehn Milliarden anderen Menschen teilen. Wenn wir diese Tatsache ausblenden und sich die Welt nur um uns selbst dreht, kommen wir einfach mit der Zukunft nicht mehr zurecht. Das ist kein Alarmismus, sondern simple Mathematik.


Wir müssen uns als Gemeinwohl-Gesellschaft begreifen, deren Stärke aus Solidarität, Empathie und gelebtem Miteinander an Stelle von grenzenloser Individualität besteht. In dieser Gesellschaftsform wird aus der mentalen Erschöpfung und der Fokussierung auf sich selbst ein neuer Positivismus, der uns besser mit den großen Herausforderungen umgehen lässt. Hierin liegt die große Chance der Gesellschaft im 21. Jahrhundert.


Die Abkehr von der aktuellen "Vollkasko-Mentalität" ist eine weitere Voraussetzung für eine erfolgreiche Umkehr. Es gibt keine absolute individuelle Sicherheit, aber das Sicherheitsgefühlt Vieler, die zusammenstehen, ist ein völlig anderes.


Die Schwarmdynamik ist visuell unendlich oft dokumentiert worden. Auch bei uns Menschen kann die Gemeinschaft, also der Schwarm, mit dem Ziel eines Gemeinwohls für alle nach gleichen Kriterien funktionieren: Zusammenstehen, gemeinsam auf die Gefahr, also auch die Probleme, zugehen und die Dynamik der Gemeinschaft nützen, die das Ziel hat, für eine gerechtere, mitfühlendere und geteilte Welt zu sorgen. Denken Sie an die Wirkung in einem Fußballstadion. Sie sitzen auf ihrem Platz Menschen stehen nacheinander auf. Sie bemerken: Nichts. Was passiert aber bei einer „La Ola“-Inszenierung: Sie spüren uns sehen die Dynamik der Welle und lassen sich von dieser Kraft und ihrer Wirkung mitreißen.


Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche „La Ola“. Ihre Dynamik wird am Ende auch die Politik oder die Wirtschaft erfassen und die Dynamik unserer Gemeinwohl-Gesellschaft wird am Ende Gehör finden! Wenn wir diesem Ziel folgen, wird uns die Gestaltung unserer Zukunft gelingen.


Die Menschheitsgeschichte kennt gemeinschaftliches Denken und Handeln.

Genau dahin müssen wir zurück. Zum Wohle für uns alle.








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