Was haben unsere Essgewohnheiten mit dem Klimawandel zu tun?

Aktualisiert: Jan 2



Wieviel Essen werfen wir in Deutschland pro Tag/pro Woche/pro Jahr weg? Warum spielt in unserem Essverhalten der Preis oft eine entscheidende Rolle? Warum hat Deutschland die niedrigsten Lebensmittelpreise in Westeuropa ? Wie ist die Relation des Preises von 1kg Schnitzel im Discounter für 7,99€ zum Preis von 1 kg deutsche Kirschen für 7,90€? Verlieren wir den Bezug unserer Essgewohnheiten zum Klimawandel oder blenden wir das wegen Unbequemheit aus?


Neben der Tatsache, dass wir das Glück einer langen Friedensperiode genießen und medizinisch bzw. hygienisch besser denn je versorgt sind, hängt unsere gestiegene Lebenserwartung unmittelbar mit unserer Ernährung zusammen. Die Ernährung der 50er Jahre, also meiner Jugend, war gut und doch von Einschränkungen geprägt. Diese Situation der Jahre vor dem Wirtschaftsaufschwung in Deutschland ist sicher mit ähnlichen Situationen in Ländern vergleichbar, die ebenfalls vor diesem Aufschwung stehen.


Was aber hat das mit dem Klimawandel zu tun? Auch hier gilt: sehr viel, denn das Wort »Überflussgesellschaft« gilt ganz speziell beim Thema Ernährung. Als Ersatz für zweckmäßige, ausreichende Lebensmittelproduktion gilt heute das Credo »je mehr, desto besser« in Kombination mit »je billiger, desto besser«. Dies führt zu einer Massenproduktion von Lebensmitteln mit Monokulturen als Folge der intensiven Ausrichtung in vielen Bereichen der Landwirtschaft. Massentierhaltung, für deren überwiegend auf Soja basiertem Futter zum Beispiel in Brasilien der Regenwald geopfert wird ist eine weitere Folge unseres auf Masse und günstige Preise ausgerichteten Lebens.


Das aktuelle Zahlenwerk dazu liefert Greenpeace. Die Supermarktketten überschlagen sich derzeit mit Eigenlob darüber, dass sie seit Anfang 2019 eine freiwillige Haltungskennzeichnung eingeführt haben. Allerdings klaffen Anspruch und Wirklichkeit auch bei diesem Punkt stark auseinander. Wie Greenpeace berichtet machen Fleischprodukte der Kategorien Drei und Vier, die eine tiergerechte Haltung kennzeichnen, nur einen verschwindend kleinen Teil des Angebots der großen Supermarktketten aus. Der Greenpeace–Abfrage vom Januar 2020 zufolge stammen im Durchschnitt ca. 88 Prozent der Frischfleisch­­–Eigenmarken in Supermärkten auch weiterhin aus prekärer Massentierhaltung. Öffentlichkeitswirksame Auftritte der Politiker, die für Veränderungen plädieren reichen nicht aus. Die Bundesregierung ist in der Pflicht, die Dumpingpreisstrategie beim Fleisch auf Kosten Dritter wirksam zu unterbinden.17


Das Wort Masse das Wort hat das Wort Maß abgelöst hat, denn die Welt hat die Orientierung an genau diesem maßvollen Handeln verloren. Die Werbung der Branche, die sich allein am Thema Preis orientiert, trägt zu dieser gelebten Maßlosigkeit bei. »Hauptsache billig« scheint die Devise zu lauten. Dabei wären die Verbraucher durchaus zu Veränderungen bereit. Nach dem Greenpeace–Bericht und einer darauf aufgebauten repräsentativen Umfrage würden 85 Prozent der Bundesbürger eine Abgabe auf Fleisch bezahlen, wenn die Einnahmen zielgerichtet zur Verbesserung des Tierwohls eingesetzt würden. Übrigens: Wir Verbraucher geben nach aktuellen Angaben der Bundesregierung nur etwas mehr als 10 Prozent unseres zur Verfügung stehenden Budgets für Lebensmittel aus.


Ein wichtiger Haupteffekte der zitierten Maßlosigkeit ist die Verschwendung von Lebensmitteln. Die »Welthungerhilfe«bezeichnet die Lebensmittelverschwendung als die Dekadenz des Überflusses.18 Auch wenn niemand von uns auf die Idee käme, ein Drittel seines Wocheneinkaufs direkt in den Müll zu werfen, so landet statistisch betrachtet genau diese Menge ungenutzt in der Tonne. Die »Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO« schätzt diese Menge der weltweit vernichteten Lebensmittel auf rund 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr. In Relation zur derzeitigen Weltbevölkerung von 7,786 Milliarden. Menschen werden folglich pro Person 167 Kilogramm Lebensmittel vernichtet. Wie kann sich die Welt so etwas erlauben, wenn gleichzeitig 821,6 Millionen Menschen in der Welt auch heute noch hungern. Der Bericht der Welthungerhilfe beschreibt das zurecht als Skandal, denn die Lebensmittelverschwendung in Industrieländern hat durchaus auch etwas mit der Not vieler Menschen in Entwicklungsländern zu tun.


In einem Bericht des »World–Wildlife–Fund WWF« aus dem Jahre 2015 unter dem Titel »Das große Wegschmeißen – vom Acker bis zum Verbraucher« wird das Thema ebenfalls intensiv beleuchtet. Der Fokus dieses Berichtes liegt auf dem Ausmaß und den Umwelteffekten der Verschwendung von Lebensmitteln und ist nur auf Deutschland bezogen.19 Insgesamt gehen bei uns über 18 Millionen Tonnen pro Jahr Nahrungsmittel verloren. Dies entsprach fast einem Drittel des Verbrauchs von 54,5 Millionen Tonnen im Analysezeitraum des Berichts aus dem Jahre 2015. Von diesen ca. 18 Millionen Tonnen vernichteter Lebensmittel wären fast zehn Millionen Tonnen vermeidbar.


Besonders hoch sind dabei die Tonnagen an problemlos vermeidbaren Verlusten bei Getreideerzeugnissen mit knapp 2 Millionen Tonnen (vor allem Brot und Backwaren). In vielen Bäckereien bleiben täglich Massen an Broten und Brötchen in den Regalen liegen. Einiges davon landet bei Wiederverwertern, die alten Brötchen, Brote, Brezeln, aber auch in Folie abgepackte Laibe und tütenweise Toastbrot annehmen und an Hersteller von Hühner- bzw. Schweinefutter verkaufen. Die angelieferten Brotberge sind ein Sinnbild und ein Beweis gleichermaßen für die Vernichtung und Verschwendung von Lebensmitteln. Produzenten und Handel reagieren allerdings auf die Kundenwünsche. Und Kunden verlangen größtenteils noch immer jeden Tag und zu jeder Uhrzeit frisches Brot und frische Brötchen. Die Wiederverwendung als Tierfutter gilt dabei noch als die beste von allen noch schlechteren Alternativen, die z.B. darin bestehen, die Backwaren zu verbrennen oder zu kompostieren. Die beste Alternative besteht daraus, das uns zur Verfügung stehende Sortiment zum Essen zu verwenden. Einige Bäckereien sind dabei, positivere Verwertungsketten aufzubauen. Ein Beispiel dazu ist die Verarbeitung zu Semmelbröseln oder Knödelbrot. Auch soziale Einrichtungen und Foodsharing–Angebote sind eine Option. Wenn dann immer noch etwas übrigbleibt, erhalten Brot und Brötchen am nächsten Tag in sogenannten »Re-Bäck-Stores« eine zweite Verkaufschance durch ermäßigte Preise, wie dies die baden-württembergische Bäckerei Lutz anbietet. Das Umdenken dazu beginnt also wie immer bei uns selbst. Versuchen Sie doch einmal, nur das an Backwaren einzukaufen, was Sie auch zu 100 Prozent essen.


Auch Obst und Gemüse mit jeweils ca. 1,5 Millionen Tonnen haben einen großen Anteil an vernichteten Lebensmitteln. Die Verbrauchsformel »kauf was Du auch zu 100 Prozent isst«, gilt für Obst und Gemüse ebenso wie für Kartoffel- und Milcherzeugnisse, die mit jeweils über eine Millionen Tonnen noch in einem beachtlichen Ausmaß durch Vernichtung verloren gehen.


All diese vernichteten und überwiegend noch genusstauglichen Nahrungsmittel wurden unter hohem Arbeits- und Ressourcenaufwand produziert. Für ihren Anbau benötigen wir Ackerland- bzw. Grünlandflächen. Rechnet man zehn Millionen Tonnen an vermeidbaren Verlusten in den damit einhergehenden Flächenfußabdruck um, so werden auf einer Fläche von über 2,6 Millionen ha Agrarrohstoffen produziert, nur um diese nach der Ernte irgendwo entlang der Wertschöpfungskette zu entsorgen. Dies entspricht in etwa 15 Prozent der gesamten Fläche, die wir für die Erzeugung der Agrarrohstoffe für unsere Ernährung benötigen.


Auch der Effekt auf das Klima ist erheblich. Die vermeidbar weggeworfenen Lebensmittel sind allesamt mit einem spezifischen hohen ökologischen Fußabdruck verbunden – angefangen bei Treibhausgasemissionen, die bei der Düngung frei werden, über Transport, Lagerung, Kühlung und Weiterverarbeitung bis hin zur Entsorgung. Umgerechnet fallen für diese zehn Millionen Tonnen ca. 22 Millionen Tonnen an Ausstoß von Treibhausgasen an. Dies entspricht in etwa einem Drittel der landwirtschaftlichen Emissionen an Treibhausgasen unseres Landes und liegt damit doppelt so hoch wie der Klimagasausstoß der deutschen Abfallwirtschaft.



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