Von Armen und Reichen in Zeiten des Klimawandels

Das Verursacherprinzip und dessen Leidtragende


Wie ungerecht die Welt ist sehen und hören wir jeden Tag. Wir wissen, dass es viele Arme und wenige Reiche gibt, von denen noch weniger sehr reich sind. Dazwischen liegt der Mittelstand, dessen genaue Dimension nicht definiert ist. Für die Armen ist der Mittelstand immer noch sehr reich, für die Reichen ist der Mittelstand einfach die Abgrenzung zu den Armen. Es gibt arme Länder und reiche Länder. Zwischen diesen liegt ebenfalls ein Mittelstand, den wir als Schwellenländer kennen. Wir hören, sehen und lesen, dass der Mittelstand schrumpft, die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Wie hängen diese rein monetären Betrachtungen mit den Fragen zum Klimawandel zusammen?


Wie genau verteilt sich der monetäre Besitz?

Nach dem Global Wealth Report 2021[1] der Credit Suisse lag das weltweite Finanzvermögen im Jahr 2020 bei 418 Billionen US-Dollar (nachstehend: USD) und damit mehr als sieben Prozent höher als im Jahr zuvor. Die Pandemie des Jahres 2020 hatte also zumindest auf die Vermögenswerte der Reichen keine negativen Folgen. Das unterstreicht auch die Liste der Milliardäre, also der Superreichen. Laut Forbes gab es im Jahr 2020 insgesamt 2755 Milliardäre, immerhin 660 mehr als im Jahr davor.[2] Deren Finanzvermögen beträgt mit 13,1 Billionen USD etwas mehr als drei Prozent der weltweiten Vermögenssumme. Zum Vergleich: Eine Milliarde an Vermögen bedeutet, dass ein deutscher Durchschnittsverdiener bei einem Nettoverdienst von 25.000 Euro und ohne Ausgaben mehr als 39.000 Jahre arbeiten müsste, bis er eine Milliarde Euro verdient hätte. Deutschland stellt mit 7,5 Billionen USD an Vermögenswerten knapp zwei Prozent der globalen Summe. Setzt man unsere Bevölkerungszahl in Relation dazu, so stellen wir etwas mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Dies ist wichtiges Indiz, warum wir als „reiches“ Land gelten.


Das Jahr 2020 war auch ein gutes Jahr für Millionäre, denn deren Anzahl stieg um 5,2 Millionen Menschen auf 56,1 Millionen. Der Anteil des von Millionären gehaltenen Vermögens am weltweiten Finanzvermögen lag 2020 mit 178,5 Billionen USD bei ca. 42,7%, wie ebenfalls aus dem Global Wealth Report 2021 der Credit Suisse hervorgeht. Die Milliardäre und Millionäre stellen nach diesem Bericht 1,1% der als erwachsen geltenden Weltbevölkerung (>15 Jahre). Ihr Anteil am weltweiten Finanzvermögen liegt dagegen bei 45,8%.


Die Kehrseite der Medaille, also die Situation des ärmeren Teils der Weltbevölkerung, bestätigen mehrere Quellen, wie OXFAM, die WELTBANK oder das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP. Demnach nahm die Kluft zwischen arm und reich speziell in der Pandemiezeit deutlich zu. Die Anzahl der Menschen, die von weniger als zwei USD pro Tag leben müssen lag im Jahr 2020 bei etwa 700 Millionen, d.h. etwa neun Prozent der gesamten Weltbevölkerung.[3] Der Anteil aller weltweiten Erwachsenen, die weniger als 10.000 USD an Privatvermögen vorweisen konnten, lag im Jahr 2020 nach dem Global Wealth Report bei 55%, wie auch die nachfolgende Grafik der Credit Suisse zeigt.

Grafik 1: Die globale Reichtums-Pyramide für das Jahr 2020


Der Gini-Koeffizient – oder: wie bemisst man die gerechte Verteilung pro Land

Die Gerechtigkeit der Vermögensverteilung auf der Welt bemisst sich anhand des so genannten Gini-Koeffizienten. Er wurde von dem italienischen Mathematiker und Statistiker Corrado Gini entwickelt und stellt ein Maß für eine gerechte oder ungerechte Verteilung in der Bevölkerung eines Landes dar.[4] Sein Wert schwankt zwischen Null und Eins. Der Wert Null würde die komplette Gleichverteilung bedeuten, d.h. alle Erwachsenen besäßen exakt gleich viel Vermögen. Der Wert Eins hingegen stünde für komplette Ungleichheit, die dann zuträfe, wenn ein Mensch alles Vermögen besäße und alle anderen vermögenslos wären. Der Gini-Koeffizient für Nettovermögen lag laut dem Global Wealth Report in Deutschland 2020 bei 0,779. Das ist im internationalen Vergleich sehr hoch. Von 172 Ländern, die die Credit Suisse untersuchte, liegt Deutschland damit auf Platz 56 und auf einem Niveau gehobener Ungleichheit mit Marokko und Argentinien. Zum Vergleich: Die Slowakei kommt als bestes Land auf einen Gini-Koeffizienten von 0,49; auch Griechenland liegt mit einem Koeffizienten von 0,67 deutlich vor Deutschland. (Alle Daten: siehe Verweis 1)


Ein Bericht des Deutschen Institutes für Wirtschaft DIW unterstreicht die Unausgewogenheit der Vermögenswerte in Deutschland. Demnach besitzen die reichsten zehn Prozent der Erwachsenen 58,9% des Netto-Gesamtvermögens.[5]


Ich kann Ihnen diese Zahlen als Grundlage für das Erkennen der weiteren Zusammenhänge nicht ersparen. Mehrfaches Lesen lohnt sich – um die Tragweite der Situation genau zu erfassen.


Zusammenhang von Reichtum und dem ökologischen Fußabdruck

Die Berechnung des für die persönliche Bilanz jedes und jeder Einzelnen von uns relevanten CO2-Ausstosses pro Jahr setzt sich grob betrachtet aus den Faktoren Wohnfläche, Heizung und Strom, Mobilität, inklusive Geschäfts- und Urlaubsreisen, Konsum und Essverhalten zusammen. In Deutschland liegt der Durchschnittswert des persönlichen CO2-Ausstosses bei 7,69 Tonnen pro Jahr. Damit liegen wir an Position 37 von 192 aufgeführten Ländern.[6]


Das Analyseunternehmen Statista GmbH hat eine Übersicht erstellt, die den Zusammenhang von persönlichem Reichtum und dem persönlichen Fußabdruck sehr eindrucksvoll darstellt.[7]


Eine im Wissenschaftsjournal Nature unter dem Titel Nature Sustainabilityveröffentlichte Studie hat den CO2-Fußabdruck verschiedener Vermögensschichten untersucht. Demnach würden die globalen CO2-Emissionen um nur etwa ein Prozent steigen, wenn man den ernsthaften Versuch unternähme, Hunderte Millionen Menschen weltweit aus extremer Armut zu befreien, also aus einer Situation, in der sie mit weniger als zwei USD pro Tag auskommen müssen.[8] Diese Studie war die Grundlage der Statista-Grafik. Demnach sind die reichsten zehn Prozent der Menschheit für 47% aller CO2-Emissionen verantwortlich. Im Kontrast steht demgegenüber die Hälfte aller Menschen weltweit, die zusammengenommen nur etwa zehn Prozent der Emissionen verursachen. Dazwischen liegt der Mittelstand, auf den rund 43% zurückzuführen sind.

Grafik 2: Emissionsteil nach Vermögenswerten


Wenn nach dem Global Wealth Report 2021 der Credit Suisse 12,1% der Erwachsenen auf der Welt (siehe Grafik 1) 84,9 % des weltweiten Finanzvermögens halten, dann ist das in etwa die Gruppe von Menschen, die nach dem Statista-Bericht (Grafik 2) fast für die Hälfte des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich ist.


Das Netzwerk The Conversation hat untersucht, wie groß der CO2-Fußabdruck der reichsten Menschen auf der Erde wirklich ist, wenn man die Emissionsanteile auf eine einzelne Person herunterbricht. Bei The Conversation arbeiten sowohl Wissenschaftler als auch Journalisten an der Erstellung unterschiedlichster Analysen und Berichte. Auf der Basis von Herstellerrecherchen bzw. empirischen Daten zum CO2-Anteil von z.B. Wohnflächen wurden 82 superreiche Menschen mit ihren persönlichen CO2-Fußabdrücken eingeschätzt. [9]


Grafik 3: Beispiele der Verursacher für den CO2-Fußabdruck der Superreichen (die 13.500 sq. Ft. Wohnfläche entsprechen ca. 1.250 m2)


The Conversation hat 20 Milliardäre in Bezug auf ihren CO2-Fußabdruck eingeschätzt, u.a. Elon Musk (Tesla), Jeff Bezos (Amazon), Bernard Arnault (LVMH), Bill Gates (Microsoft) sowie die Google-Chefs Larry Page und Sergey Brin. Während durchschnittliche US-Erwachsene ca. 15 Tonnen und europäische Erwachsene ca. 6,5 Tonnen CO2 emittieren, kommt diese Top 6-Gruppe der Milliardäre auf ein Vielfaches: Gates hat einen CO2-Fußabdruck von 7493 Tonnen und Musk liegt bei 2084 Tonnen. Übrigens: Nach der Statista-Grafik emittieren die ärmsten 10% der Erwachsenen auf der Welt nur ca. eine Tonne CO2 pro Jahr.


Dieses Ergebnis ist nicht überraschend, wenn man die Faktoren Wohnfläche (der zahlreichen Häuser und Wohnungen und deren Versorgung mit Heizung, Strom und Wasser), der Mobilität (für die ebenfalls zahlreichen Fahrzeuge) und des Reiseverhaltens (für Privatjets und Privatjachten) in Betracht zieht. Nichts von alledem kann ein(e) Bewohnerin/Bewohner von Somalia mit ihrer/seiner jährlichen Emission von 0,035 Tonnen CO2 pro Jahr in die Waagschale des jeweiligen persönlichen Fußabdrucks werfen. Ein sehr ausführliches Werkzeug für die Berechnung Ihres persönlichen CO2-Fuaßbdrucks finden Sie im Verweis[10].


Reflexartig werde ich bei Diskussionen zu dieser Situation mit dem Argument der „Neiddebatte“ konfrontiert, wonach derartige Vergleiche bzw. Artikel nur von Neid motiviert geschrieben werden. Dieses Argument entspricht einem Wegducken von der Realität des Klimawandels und seiner dominierenden Verursacher. Es ist ein Zeichen eines Ignorierens der unangenehmen Wahrheit. Tatsache ist, dass viele von uns täglich dafür sorgen, dass die persönliche Vermögenssituation der Superreichen sich weiterhin kontinuierlich verbessert. Wir kaufen bei Amazon (Bezos dankt), fahren die schicken E-Autos von Tesla (Musk dankt), arbeiten mit Windows-basierten Computern (Gates dankt) oder suchen stündlich bei Google nach Webseiten (Larry Page und Sergej Brin danken). Und wenn wir dann noch eine Handtasche von Louis Vuitton kaufen, dankt uns auch noch Bernard Arnault, zu dessen Firmenverbund LVMH diese Marke gehört. Währenddessen hungern Millionen Menschen weiter und die 700 Millionen der Ärmsten der Armen „leben“ auch weiterhin von weniger als 2 USD täglich.


Ausweg aus dem Dilemma

Es gibt zahlreiche Ansätze, die bei der Mehrzahl der betroffenen zehn Prozent der reichsten Menschen unserer Erde keine Jubelstürme auslösen würden. Eine globale Finanztransaktionssteuer wäre ein erster Ansatz. Bei einem jährlichen Handelsvolumen der globalen Aktienmärkte von 185,7 Billionen USD [11] und einem Steuersatz von nur 0,5 % als Finanztransaktionssteuer könnte man mit 980 Milliarden USD Projekte in den ärmsten Ländern der Welt fördern, um die bestehende Ungleichheit wenigstens etwas zu mildern.

Die Beseitigung jeglicher Schlupflöcher, z.B. für nicht besteuerte Unternehmensgewinne durch Firmensitze in Steuerparadiesen, würde für eine bessere Steuergerechtigkeit sorgen.

In diesem Zuge könnten alle „Parkplätze“ für unversteuerte Vermögensteile untersagt werden. So würde Steuerflucht und damit Betrug an den jeweiligen Steuersystemen sanktioniert. Die Washington Post und das Netzwerk TaxJustice.net haben berechnet, dass den Volkswirtschaften der Welt durch Steuerflucht pro Jahr ca. 427 Milliarden USD entgehen.[12]


Welche sinnvollen Projekte in der so genannten „Dritten Welt“, z.B. in Bildung, dem Aufbau von Infrastruktur, der Förderung von klimaschonenden Industrieanlagen, wie z.B. zur Erzeugung regenerativer Energie wie grünem Wasserstoff, der Produktion von Solarpanelen, Windkraftanlagen, u.v.a.m. könnten mit nur drei Hebeln angestoßen werden?

Dieser Artikel ist kein sozialistisches Manifest wonach die Reichen ihren Reichtum verlieren sollen. Es geht mir einzig und allein um ein Herausstellen der wahren Verursacher des Klimawandels, sowohl der Einzelpersonen wie auch der reichen Volkswirtschaften.


Wir alle erwarten Entscheidungen von der deutschen, europäischen oder gar von der Weltpolitik, die Veränderungen bewirken sollen. Tatsache ist, dass 26 Weltklimakonferenzen zu keinen Veränderungen der globalen Klimapolitik geführt haben. Stattdessen steigt der weltweite CO2-Ausstoß laut dem aktuellen Bericht des IPCC (bei uns als Weltklimarat bekannt) kontinuierlich weiter an. Das Fenster zu einer notwendigen Umkehr schließt sich rapide.


Handeln wir also als Menschen, denen die zukünftigen Generationen wichtig sind und reduzieren wir wenigstens unseren persönlichen CO2-Fußabdruck.

[1] https://www.credit-suisse.com/media/assets/corporate/docs/about-us/research/publications/global-wealth-report-2021-en.pdf [2] https://www.forbes.com/billionaires/ [3] https://worldpoverty.io/headline [4] https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Biographies/Gini/ [5] https://www.diw.de/de/diw_01.c.793891.de/vermoegenskonzentration_in_deutschland_hoeher_als_bisher_bekannt.html [6] https://github.com/owid/co2-data [7] https://de.statista.com/infografik/26885/anteil-der-einkommensschichten-an-den-globalen-co2-emissionen/ [8] https://www.nature.com/articles/s41893-021-00842-z [9] https://theconversation.com/private-planes-mansions-and-superyachts-what-gives-billionaires-like-musk-and-abramovich-such-a-massive-carbon-footprint-152514 [10] https://footprintcalculator.henkel.com/de [11] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/239389/umfrage/volumen-des-weltweiten-aktienhandels/ [12] https://taxjustice.net/reports/the-state-of-tax-justice-2020/

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